Ex-ReIm-Port

Installation in der Nikoliakirche Freiberg 23. 04. - 10. 05. 2010

anlässlich der Verleihung des Freiberger Kunstförderpreis

(in Papier und Stretchfolie verpackter und mit Speditionsaufklebern gekennzeichneter Altar, teilweise noch (Export) oder wieder erkennbar (Reimport))

 

 

["Schallend von der Kanzel, einem Muezzin zur Gebetszeit gleich, ertönt das langatmige "Ex-ReIm-Port". Heerscharen Profitgläubiger verbeugen sich vor dem Jahreshoch der Aktienkurse. "Ex-ReIm-Port" - wie eine Beschwörungsformel der neuen ökonomisierten und liberalisierten Welt. Man stelle sich den nadelgestreiften Broker auf seiner Börsenkanzel vor, der seiner Anlegerherde die werteschaffenden Moralkürzel schallend predigt: "Ex-ReIm-Port". Die zinsgeile Herde murmelt gripslos und kanonartig nach: "Ex-ReIm-Port". Nicht wissend, zu wessen Lasten der Überschuss erzielt wird.


Globalisierung heißt zunächst Bewegung und freier Handel mit allem und jedem. Egal ob althergebrachte Kulturgüter samt traditionellen Werten oder billige Nutten aus der Ukraine. Die Sklavenarbeit afrikanischer Erntehelfer für den deutschen Salat (aus Spanien) übertrifft dann eben in seiner zugrunde liegenden, grotesken Gier nur noch die hastig zusammen getackerte Kopie abendländischer Handwerkskunst aus China. Container-Flotten durchkreuzen die Ozeane und liefern just in time.

So könnte ich Zeile um Zeile aus dem Weltgeschehen zitieren und doch änderte sich nichts. So könnte ich Blatt für Blatt mich hinein fressen in eine mich selbst belügende Kapitalismuskritik, ausgefeilte Verschwörungstheorien und agitatorische Utopien. Zu tiefst am eigenen Ich vorbei, vorbei an den mich umgebenden Menschen und vorbei an der Seele der Welt. Zeile für Zeile und Blatt für Blatt ein weiteres Stück Sinnlosigkeit. Denn wir selbst sind Übel und Heilung zugleich. Deswegen hält die Installation mit dem gesungenen Titel "Ex-ReIm-Port" mehr bereit als nur das platte "Schaut her, wie schlecht die Welt ist!"


Natürlich lässt sie viel Spielraum für die eigene Interpretation. Man könnte jede Menge Stichworte fallen lassen, wie: [Zur Ware verkommene Religion --- Untergang und Wiederaufstieg kirchlicher Institutionen im ehemals (parteilich bestimmt) atheistischen Osten Deutschlands --- Globalisierung und prinzipienlose Billig-Herstellung aller Güter in China --- die, mitunter gelungene, Kopie abendländischer Kultur als gut verpacktes Schiffsgut aus Fernost --- hiesige Handwerkkunst zunächst als Export dann, nach dem Untergang, als Import-Artikel --- Einstauben im Sinne von Verpacken und Ablegen --- Überflüssig gewordenes wird in 1-2-3-meins-Menthalität bei ebay verhöckert --- neue Zeiten verlangen neue Marketingstrategien, denn die altgediente Symetrie mit seinem Imposantem überzeugt heute keine Multimedia-Kids mehr vom Worte des Herrn oder einfach nur ethische Grundsätze --- Reimport zurück aus dem Ausverkaufslager hinein ins Museum --- portable Containerkirchen in afghanischen Feldlagern samt Glaubenswidersprüche] und endlos so weiter. Stichwörter als nicht formulierte Fragen einer globalen Momentaufnahme.


Jedoch, ich weiß die tiefere Bedeutung mit allen Antworten nicht und will diese auch gar nicht wissen. Was trieb mich dazu, diese Installation genau so, wie sie hier zu sehen ist, zu erschaffen. Stundenlange Dokus auf Online-Kanälen oder das Gejammer von unbefriedigten Konsumschäfchen nach der Rabatt-Schlacht. Egal, woher die Installation stammt: Interessant ist, wohin die Offenheit der Fragen den Betrachter führt.


Zunächst sind es nur Fragen, die ich für Sie aufwerfen darf? Alles nur Fragen, keine Antworten. Doch in der Kompression all jener Fragen in einem einzigen Objekt liegt eine große Kraft verborgen, die entgegen meiner Weltverbesserer-Agonie doch noch gewaltige Macht enthält. Terminologisch ein Desaster an dieser Stelle von Gewalt und Macht zu sprechen. Revolution, Krieg, Tod, Zerstörung und Korruption liegen darin verborgen. Veränderungen waren in der Vergangenheit meist genau davon flankiert. Die Gefahr jener Kompression ist es eben auch missverstanden zu werden. Ich meine jedoch etwas Nachhaltiges. Einen Wandel. Und Fragen sind dafür schon die erste Veränderung.

In unserer Zeit der rasanten Veränderungen werden leider viel zu wenige Fragen gestellt. Fragen nach dem Wohin und Warum. Fragen, die sich viele nicht mehr trauen zu stellen, weil das Menschsein heute oft gleichgesetzt wird mit fraglosen Funktionieren im "Mehr, Mehr, Mehr".


Wer nicht mehr oder noch nicht funktioniert oder die falschen Fragen stellt, der wird dann meist mit den Grenzen der Freiheit konfrontiert. Wahrscheinlich auch deswegen enstand dies hier. In meiner Arbeit ist das Fragenstellen noch erlaubt und geradezu erwünscht. Die Kunst vermag noch freie Fragen aufzuwerfen, weil diese heute zunächst oft denn Freiraum "Kunst" brauchen. Doch diese Fragen erhalten nur einen Sinn, wenn die Menschen sie durch das Überangebot an Zerstreuung und Belanglosigkeit wahrnehmen können und noch nicht auf alles eine fertige Antwort haben.]