
Presse: LEO - Lingua et Opinio
|
| KULTUR |
Interview |
"Kunst ist Grenzüberschreitung"
Der Maler, Plastiker und Dichter Jens Ossada
Von Claudia Feger
Ein kleiner Raum. Das laute Rauschen eines Fernsehgerätes vor dem unzählige – teilweise blutbefleckte – Gasmasken liegen, rückt als erstes in die Wahrnehmung des Betrachters. Erst nach und nach drängt sich der krasse Gegensatz der biederen Wohnzimmereinrichtung in das Blickfeld. Der tägliche Tod, der durch das Massenmedium Fernsehen das Wohnzimmer überflutet, scheint zum Alltag geworden zu sein. Schon wieder Tote im Irakkrieg? Nichts Neues.Die Bilderflut der Kriegsberichterstattung stumpft den Menschen ab. Fernsehen – doch nur noch ein Medium zum Entspannen? Das Kaffeeservice steht auf den kleinen Beistelltisch schon bereit. "Turn on TV" steht in großen roten Lettern auf der Wand. Die klare und einfache Sprache gepaart mit einer kritischen Haltung reißt den Betrachter aus seiner Alltagsstarre und drängt ihn aus seiner Konsumträgheit heraus.
Jens Ossada
Fotos: Claudia FegerDiese Installation des Malers und Bildhauers Ossada ist ein Teil der Arbeiten, die er bei den "Begehungen auf dem Brühl 2005" in Chemnitz vorgestellt hat. Inzwischen ist die Installation längst abgebaut. Geblieben ist ein Bild in seinem neuen Buch "Der Mensch und das System". Ergänzt wird die Fotografie nun durch ein Gedicht.
Der Mittweidaer Jens Ossada ist nicht nur Maler und Plastiker, sondern auch Dichter. Seine Arbeiten sind konstruktivistische Kompositionen, die mit dem Einsatz von bedeutungstragenden Materialien und Schriften gesellschafts- und konsumkritische Motive thematisieren. Schon seit 1994 gestaltete er Fassaden als Auftragsarbeiten. Ossada ist nicht nur der Betreiber der "Galerie am Anger" im sächsischen Flöha und der Organisator des alljährlichen Pleinairs "Kunst am Wasser", sondern auch Buchautor.
LEO: Nach einigen Semestern des Medizinstudiums haben Sie sich der Kunst zugewandt. Doch wie haben Sie die Verknüpfung zur Literatur hergestellt?
Ossada: Künstlerisch zu schöpfen, beziehungsweise Themen aus verschiedenen Blickwinkeln künstlerisch zu bearbeiten, heißt auch, sich nicht auf ein Medium zu beschränken, denn das würde den meisten Themen nicht gerecht. Oftmals habe ich mit einer bildnerischen Idee zur Umsetzung auch einige Wortfetzen parat. Diese schwirren während des Schaffensprozesses in meinem Kopf umher und ziehen neue Zeilen an und beim hastigen Notieren formt sich der Text wie eine gestische Zeichnung, wie ein automatisches Script und bleibt meist unverändert stehen. Reine Bauchsache eben.
LEO: Könnte man IhreTexte eher als Ergänzungen zu Ihren Werken sehen oder können diese auch "für sich " stehen?
Ossada: Die Plastiken, die Materialbilder und die Texte sind jedes Objekt für sich genommen eine separate Umsetzung meiner Idee und dennoch behandeln manche ein gleiches Thema oder ergänzen sich gegenseitig. Wie ein Menü, in dem jeder Gang auch einzeln ein leckerer Happen ist, aber die Kombination erst den Genuss steigert.
LEO: Das macht Appetit auf mehr! Im Juni erscheint Ihr neues Buch...
Ossada: Dieser Bildkatalog und Lyrikband verkörpert das Jahresthema 2005 "Der Mensch und sein System" und enthält Installationen, Lyriktexte, Plastiken und Materialbilder auf 70 Seiten mit den verschiedensten Ansätzen zu sieben Themen wie Gesellschaft, Konsum, Krieg, Umwelt, ... – nicht nur aus aktueller Sicht der Ereignisse, sondern auch als Grundsatzanalyse zu bestehenden Problemen. Jede der Installationen ist nur ein Gedankenmodell und ein Symbol für das Gesellschaftssystem, die Medienpolitik und die Massenverleitung in unserer Zeit. Wir leben im Kapitalismus, daran ist nichts zu rütteln. Und unser System basiert auf Konsum und Steigerung. Ich versuche Ursachen zu finden. Aufzuzeigen, das wir selbst dieses System aus Angstpolitik, Konsumversklavung und Desozialisierung geschaffen haben und warum. Die Mechanismen, denen man erschreckender Weise auch immer wieder selbst verfällt, dies aber nur bemerkt, wenn man gelernt hat zu zweifeln und zu verzichten.
LEO: Stichwort Konstruktivismus. Bedingen konstruktivistische Bilder gleichzeitig auch solche Texte?
Ossada: Thematischer Konstruktivismus ist mein Stil – dem Thema ist das egal. Vielleicht spiegelt der partielle Aufbau und die harte Abgrenzung im Bild sich auch im Text durch Gedanken-Brocken wieder. Ich ticke so. Dies lässt meiner Meinung nach eine gewisse Interpretationsfreiheit und Sprachrhythmik zu.
Mehr dazu?
"Der Mensch und sein System" mit Materialbildern, Installationen, Plastiken und Lyrik zu verschiedenen ThemenFormat 148x148mm, 70 Seiten, farbig, Softcover erscheint beim Verlag Edition Erata. ISBN 3-86660-013-5, 14,95 €
Die Homepage des Künstlers und Autors ist zu finden unter: http://www.ossada.de/
Eine Leseprobe gibt es hier
Veröffentlicht am: 16.05.2006
© Copyright by LEO. Alle Rechte vorbehalten.