Michael Goller / 28.4.2009 |
"Gestaltgewordene Denkmodelle" - zu den Würfelplastiken von ossada |
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Ossada formuliert Antworten auf Fragen des Menschwerdens mit plastischen Mitteln. Wer wird, muss zunächst auch einmal sein. In etwas sein, um zu etwas Künftigem zu werden. Mensch wird, um Mensch zu sein und Mensch ist, um Mensch zu werden. Ossada baut eine solide gedankliche Basis, auf deren Grundlage ein Verständnis seiner Arbeiten möglich wird. „Ich bin ein Ordner!“, bekennt er im Gespräch und entwickelt sein Ordnungssystem, was modellhaft für das „Wesen Mensch“ steht. Der Mensch, wie er uns als Gegenüber erscheint, so Ossada, ist Träger von sieben Wesenszügen, die je nach individueller Ausprägung in unterschiedlichem Verhältnis zueinander im Individuum vorkommen und sich wechselseitig bedingen. So begegnet uns das Wesen Mensch im ossadischen System als Schöpfer, Phobiker, Suchender, Kategoriker, Egoist, Sozius und Hedonist. Das System manifestiert Erkenntnis, die sich auf das Allgemeinmenschliche richtet und vom Blickpunkt des „Allgemeinen Menschen“ als Selbsterkenntnis auftritt. „Erkenne Dich selbst!“, so eine Säuleninschrift im Apollontempel des griechischen Heiligtums Delphi. Die Forderung zur Selbsterkenntnis (und das schließt eine schonungslose Selbstanalyse mit ein) ist die Grundlage des Philosophierens und Wegbereiter für Wegbereiter rationalen und reflektierten Denkens. Wie alle Arbeiten zum Wesen Mensch, so tritt uns auch die erste Arbeit „Wandel“ in der Würfelform entgegen. Als Schöpfer besitzt jeder Mensch a priori die Fähigkeit, Dinge zu erschaffen, was meist ein Umwandeln bedeutet, ein Verändern des Sinns, ein Verschieben der Betrachtungsposition. Das Geschaffene wird zu Besitz, die Angst vor dem Verlust des Besessenen wird eine reale Größe, nicht immer grundlos. Auch die Angst, dass die Konsequenzen des Geschaffenen sich als zerstörerisch offenbaren könnten. Der Mensch erlebt sich dann als Phobiker, was die Arbeit „selfmade bomb“ verbildlicht. Die Suche nach Gründen wird dann existenziell, um das Geschaffene in einem Sinn sehen zu können. Bei dem Forschen nach dem Sinn wird oft noch mehr gefunden. Das Werk „Dimensionalität der Wahrheit“ verweist darauf, wie verwoben die Dinge sind und keins für sich allein betrachtet werden kann. Als Suchender ist sich der Mensch immer bewusst, dass er nicht am Ziel ist und sein Werk immer über ihn selbst hinauszielt. Gut, wenn der forschungsreisende Mensch die entdeckten Länder benennen kann. Als Kategoriker ordnet er sein Denkuniversum, er wird effizienter, klarer. Die Ossada-Arbeit „kategorisch“ unterstreicht das. Gefahr droht auch hier. erselbstständigt sich ein System, spiegeln seine Spiegel es nur noch selbst. Werden Kategorien wichtiger als Menschen, so zeigen sich die Grenzen für den Egoisten. Wie in der griechischen Sage von „Narzissus“, die Jens Ossada künstlerisch aufnimmt. Dabei ist Egoismus in seiner positiven Bedeutung der Zusammenhalt des Ichs, die notwendige und selbstbewusste Bewahrung vor dessen Zerfall. Dieser Zerfall macht den Mensch zum Teil einer „Masse“. Die gleichnamige Arbeit assimiliert ehemalige Ich's zu breiigem Gleichschritt. Das Konzept der Gruppe hat aber auch ein gesundes Maß und zwar ein sehr erfolgreiches. Als Sozius, als Mensch mit und für Menschen kann der Mensch sich überhaupt erst als Mensch erfahren. Gibt es nun ein gemeinsames Ziel, was über die Einzelinteressen hinausgeht, ist eine große Kraftquelle entdeckt. Der letzte der sieben ossadischen Wesenszüge – der hedonistische – ist zugleich der freudigste. Die Fähigkeit, sich zu freuen, macht dem Menschen sein Hiersein sinnvoll und erträglich. Natürlich lauern überall Verführungen, die darauf aus sind, die Fähigkeit zur Freude zu manipulieren und Gier nach nicht immer nützlichen Dingen zu wecken. Deshalb ist der letzte Ossada-Würfel als „Konsument“ bezeichnet. An dieser Stelle würde sich der Kreislauf nun wiederholen, und der Mensch sich aus dem Konsumrausch durch die Wiederentdeckung seiner schöpferischen Fähigkeiten erneut dem Schöpfer annähern. Ossadas Werke begegnen uns in einer oft opulenten und immer gekonnt ausgeführten Materialität. Der Bildhauer Jens Ossada arbeitet häufig mit Gips, Beton, Stahl und Holz. Benutzt er sorgfältig ausgewählte Fundstücke, so werden sie meist abgegossen. Ossada hat von ihnen eine sehr große und gut sortierte Sammlung. Am Anfang steht bei ihm immer das Thema. Ziel der Arbeit ist ein modellhaftes Umsetzen des Themas. Erst wenn die visuelle Idee feststeht, beginnt ein kalkulierter Prozess, der die Materie der Vorstellung annähert. |