Materialbesuch
Ich bin ein
Mensch. Ich betrete die erste Kammer des Materialbildes von ossada. Das
Materialbild besteht aus insgesamt vier Kammern. Sie sind nicht symmetrisch,
dennoch planvoll angelegt, mit geometrischem Bezug zueinander. Vier Kammern.
Das Materialbild heißt „Welt“. Ich lese es noch einmal
und beschließe, es zu akzeptieren. Es handelt sich um ein Gleichnis.
Jawohl. Die beiden Grafitstaublinien zerschneiden die Glasfaser-kunststoffplatte
in vier ungleich große Teilflächen. Eine kleine Skizze halte
ich zur Orientierung in der Hand. Irgendwo habe ich sie wahrscheinlich
gefunden oder sie ist mir an meine Postfachadresse zugesandt worden. Die
vertikale Achse wird von den Polen „Material“ und „Bewusstsein“
begrenzt. Die horizontale Achse erstreckt sich zwischen „Freiheit“
und „Geometrie“. Diese bilden in ihren Kombinationen nun die
vier Quadranten, die als Felder zugänglich sein werden. Wir können
also folgende Räume betreten und im Uhrzeigersinn begehen:I Material-Geometrie
II Geometrie-Bewusstsein
III Bewusstsein-Freiheit
IV Freiheit-Material
I Material-Geometrie
Vom Schöpfer der „Welt“ sind einige Zitate überliefert.
Ich hatte vorher die erhaltenen Schriften möglichst genau studiert
und erinnere mich an viele Fragmente. Inzwischen habe ich die erste Kammer
betreten, die Tür schließt sich sogleich hinter mir und ist
verschwunden. Überhaupt sind alle Dinge in ständiger Bewegung.
Ich befinde mich in einem Gewaber ver-schiedenster Materialien, verliere
den festen Stand und sinke ein. Eine Art Schwimmen. Ein Schwimmen durch
Schichten aus flüssigem Polyesterharz und Biokettensägenöl,
in denen Formstücke vorbeitreiben: Wäscheklammern,Gasmasken,
Puppen. Immer ausweichend vor größeren Purschaum-Blöcken,
an deren edelgewachster Oberfläche kein Halt zu finden ist. Vielfach
ist dokumentiert worden, dass der Künstler verschiedene Fundstücke
sammelt, um die Zeit der Welt zu fixieren. Dabei benutzt er Materialien,
die einen bestimmten Ausdruck durch ihre bloße Materialität
unterstützen. Ich weiche zwei Kettensägenblättern aus und
halte mich kurz an Heckteilen eines Bootes, schließlich lebte der
Künstler lange auf einem Hausboot. Und war Medizinstudent (von einer
immaginären Decke fallen Spritzen mit aggressiv frontal ausgerichteten
Kanülen) … und … und. Ein erdrutschähnliches Getöse
bringt eine Lawine von Murmeln, Teilen aus Metallbaukästen, Radiergummis
und Armeeuniformen ins Rutschen. „Materialfetischist“ werfen
ihm Zeitgenossen vor wegen des quantitativen und subjektiven Einsatzes.
Dies lehnte der Künstler jedoch immer ab, er betonte vielmehr seine
Verantwortung im korrekten Umgang mit Materialien. Jedes Material sei
Symbol, das Symbolische sei auf das Materielle projiziert, durch die Auswahl
ergäben sich Rangordnungen. Trotz des Vorwurfs postalchimistischer
Materialleidenschaft beharrte der Künstler darauf, Symbole nicht
künstlich zu schaffen, da sie sich im Material bereits kodiert vorfänden,
von der Natur prädestiniert. Ich habe eine Art Ufer erreicht und
krieche, nur allen Vieren Halt zutrauend, auf den Strand, der aus Holz-
und Metallstücken, Graphit, Matchboxautos auf einer (zum Glück)
so gut wie identischen Basis aus Ostseesand besteht. Ich setze mich auf
totes Holz. Baustein einer Bildsprache bezogen auf ein Thema, so die weiteren
Ausführungen von ossada, Bausteine für die Architektur. Ebenfalls
angespült wird eine Kiste, sie enthält Metallstücke, Zargen,
verrostet, eine Sense, ein Zahnrad, manchmal die Ahnung einer ehemaligen
Funktion. Geschichtsfragmente, so der Künstler, die er kombiniert
zu einer Gesamtgeschichte. Neuschaffung von Mythen, was bleibt von einer
Funktion? Der Rost dazwischen. Zusammen-bauen. Ich blicke mich um, und
sehe eine Hütte, so wie sie zum Umziehen an öffentlichen Stränden
meist katholischer Länder stehen. An der Tür mit schwarzem Filzstift
geschrieben:
II
Geometrie-Bewusstsein
Als ich drin bin, ist der Raum ungefähr unendlich groß. So
scheint es. Es ist weder dunkel noch hell, vielmehr gibt es keine Tönung,
ebenso keine Farbe. Ich sehe Linien. Ach ja, es gibt auch keinen Boden.
Nur Linien. Sie sind gerade, laufen aufeinander zu, schneiden sich, biegen
sich mit exakten Radien. Exaktheit. System. Funktion. Das Ganze. Ich fühle
mich sinnlos. Ich fühle mich nicht. „Ich bin ein Vulkanier“,
bekannte der Künstler nach einer seiner wenigen inter-planetaren
Reisen, die einem Studienaufenthalt auf dem Planeten Vulkan diente. „Emotionen
können kontrolliert werden.“ Ich sehe Emotionen. Bekenntnis
zum Vulkanismus. Ich sehe Farben. Ich sehe Raum. Bekenntnis zur Fläche.
Das vulkanische Prinzip strebt danach, die Einheit des Seins zu erfahren
und zu kontrollieren. Prinzipien des Seins auf neuer Ebene neu erfahren.
Deshalb also brauchen wir den Raum. Deshalb die Worte. Deshalb die Kunst.
„Die Kunst verläßt den Pfad der Kampfkunst nicht!“,
so der Künstler in einem Interview. Alle Prinzipien seien auf die
Kunst anwendbar und die Kampfkunst fördere die Sicherheit im Erkennen
dieser Prinzipien. ossada, der Japaner? “Langes Reisfeld”
Treffen sich so in der Kunst die disziplinierte Strenge und Selbstzucht
fernöstlicher Kampfkunst und die rationalitätsverherrlichenden
Emotionsverächter vom Planeten Vulkan zu einer schöpferischen
Synthese? Die elliptische Kurve schneidet in leicht verzögerter Winkeldegression
ein geometrisches Gebilde von zweifellosfunktionalem Charakter. Ein Schritt
über den tangentialen Nullpunkt und ich befinde mich in einem sich
veränderndem
Raster. Die Linien beginnen, sich zu materiali-sieren, werden Flächen,
eine Lichtquelle wird berechnet. Reflexionslichter gesetzt …
III
Bewusstsein-Freiheit
Der dritte Quadrant. Eigentlich ein Interieur. Eine Reihe Regale. Ein
Archiv. Alphabetisch sortierte Aktenordner. Ich greife zufällig einen
heraus. Automatisch gleitet er auf vorausberechneter Bahn mir entgegen.
Er ist beschriftet: „Mittweida“. Mittweida? Ich schlage ihn
auf: „Mittweida: Kleinstadt in Sachsen am Fluss Zschopau, nördlich
von Chemnitz, 20.000 Einwohner, Kreisstadt, Hochschulstadt. Absolventen
waren unter anderem Adam Opel, August Horch, Walter Bruch, Werner Braun,
Karl May machte mit dem Gefängnis Bekanntschaft. Geburtsort des Autors
Erich Loest und des Bildhauers Schilling. ossada verbrachte hier Kindheit
und Jugend.“ Ich schlage den Ordner zu, er fährt automatisch
zurück ins Regal. Ich überfliege andere Ordner: „Berlin“,
„Leipzig“, „Stuttgart“, ohne einen zu öffnen.
Am Anfang jeder Regalreihe entdecke ich einen jeweils andersfarbigen Ordner.
Er heißt in diesem Fall: „Biografie“. Diesen schlage
ich nun auf oder besser, lasse ihn herausfahren und aufschlagen, was übrigens
nicht durch mechanische Einwirkung geschieht, sondern sobald ich daran
denke, hineinzuschauen, öffnet sich der Ordner automatisch. Sicher
hört sich das seltsam an, aber man gewöhnt sich schnell daran
und schon bald bemerkt man nicht mehr das Ungewöhnliche dieser Synchronie.
Im Ordner „Biografie“ geht es sehr faktisch zu, alle Einzelordner
des Regals sind nummeriert aufgelistet und eine chronologische Darstellung
zu ossadas Lebenslauf, die aber nichts enthält, was der Öffentlichkeit
nicht schon bekannt wäre. Da steht (tabellarisch und linksbündig),
dass der Künstler 1978 in Bernau bei Berlin geboren wurde, in Mittweida
aufgewachsen ist, in Leipzig Medizin studiert hat, dann das Studium abbrach,
um sich ganz seiner künstlerischen Entwicklung zu widmen. Dass er
1999 bis 2001 selbständiger Unternehmer in Chemnitz war und 2001
bis 2003 als Grafiker in Stuttgart lebte und arbeitete, seitdem lebt er
in Mittweida. Hmmm. Ich denke daran, den Ordner zu schließen. Er
schließt sich. Natürlich. Ziellos streife ich nun durch die
Regale. Eines heißt „FAQ“, häufige Fragen. Sie
sind nach einem numerischen Sortiermuster und jeweils mit einer Quellenangabe
versehen, wann und wo die Frage gestellt, beantwortet und veröffentlicht
wurde. Manche mit mehreren Antwortfragmenten. Hier einige Beispiele: F23-4
“Welchen Einfluss hat Mittweida auf Ihr Schaffen?“
A1“…im Osten aufzuwachsen, heißt improvisieren zu lernen.
Ich war nie ein Lego-Kind.“ A2 „Es kann nur gut für die
Kunst sein, wenn einer einen Hammer anfassen kann.“ A3 “Alle
Reisen drehen sich um diesen Fixpunkt.“ A4 „Bilder tanken
Kraft aus diesem Kontrast und profitieren von einer substantiell vorhandenen
Herzlichkeit.“F57-13 „Welchen künstlerischen Vorbildern
fühlen Sie sich verpflichtet?“
A1 „Für den künstlerischen Weg gibt es keine Vorbilder,
das kann ich nur selbst machen.“ A2 “Ich fühle mich meinen
handwerklichen Lehrern sehr verpflichtet und Künstlerfreunden für
die ständigen Anregungen in Gesprächen.“F59-3 „Was
war für Ihren künstlerischen Weg besonders wichtig?“
A1 „Die Notwendigkeit, sich außerhalb von Strukturen und Hierarchien
auszuprobieren, ein handwerkliches Fundament aufzubauen und Zeit zu lassen.“
A2 „Die Suche nach neuen, direkten Einflüssen aus dem Leben.“
A3 „Lernen zu lernen.“ (Aus der Kampfkunst. Kyomon, er erwähnte
es. )F43-7 „Welche Bedeutung hatte die Stuttgarter Zeit für
Ihr Schaffen?“
A1 „Konstruktivistische Orientierung.“
A2 „Vielen Dank für die künstlerische Richtungsweisung
an Michael Schützenberger und Wolf Niemitz.“ A3 „Der
Stuttgarter Künstlerbund wurde eine zweite Heimat.“
A4 „Bilderbuchstadt für Konsumkritik.“ Ich lasse den
Ordner zuschlagen und ins Archiv zurückfahren. Ich denke es wäre
Zeit für den vierten Quadranten. Schließlich sind der Unabhängigkeitsdrang
des Künstlers hinlänglich bekannt. Ich denke also an den vierten
Quadranten. Ich denke. Ich denke, es sollte sich eine Tür zwischen
den Regalen auftun mit der Aufschrift:
IV
Freiheit-Material
Doch nichts passiert. Ich laufe jetzt schnell weiter an den Archivreihen.
Immer schneller, um irgendwann am Ausgang zu sein. Das wabernde Tiefdruckgebiet
in der ahnungsvollen Tiefe des Bewusstsein gebiert einen Sturm der Angst,
atemlos passiere ich die Regale „Boot“, „Freunde“,
um schließlich wieder vor dem Regal „Biografie“ zu stehen.
Es gibt keinen Ausgang. Der Raum ein nichteuklidisches System. Der dritte
Quadrant der letzte. Das war so nicht geplant. Ich rufe. „Hallo?“
„Haaaalloooooh!“ Niemand antwortet. Ich schreie. „Heeh!“
Die Regalreihe, vor der ich jetzt mittlerweile atemlos stehe, heißt:
„Der Mensch und sein System“. System. Goedels Satz fällt
mir ein, dass jedes axiomatische System Widersprüche enthält.
Wo ist hier der Widerspruch? Ich biete die Kraft des Bewusstseins auf,
um den Ordner zu öffnen. Flüchtig lese ich: „Ordnung wird
aus Themen geschaffen nach anfänglichem Ankämpfen“, „Analyse
und Parzellierung des Themas“ und „Bescheidenheit und Zweifel
als Beziehung zum Konsum“. Der Unterordner, auf den sich dieser
Satz bezog, heißt „System- und Konsumkritik“.Ich lese,
in der Hoffnung, einen Hinweis auf meine augenblickliche Situation zu
finden: „Menschlichkeit, Emotion, danach sucht der Vulkaniersohn“.
Menschlichkeit, Emotion? „Scheiße!“, rufe ich laut,
obwohl ich weiß, dass es niemand hört. Ich reiße den
Ordner aus der Verankerung, ehe er sich schließen kann und schleudere
ihn auf den Boden. Es genügt noch nicht. Ich springe auf ihn, trample
auf ihm herum. Dabei kommen mir die Tränen. Ich reiße einen
weiteren Ordner heraus, zertrete ihn. Den nächsten. Das ganze Regal.
Wie in Trance. Nein, nicht „Wie“. Wütend schreiend ziehe
ich ein Regal nach dem anderen leer, reiße aus den Ordnern die Seiten
heraus, die Papierfragmente fliegen planlos durch die Luft. Ich greife
mir eines und werfe einen starren Blick darauf vor dem Zerreißen..
Es muss vom Regal „Texte“ stammen, denn es enthält den
Teil eines Gedichtes, „Schlafplatz“. ossadas Texte entstehen
oft parallel zu den Bildern und Skulpturen, sind synchron gewachsen, haben
das Thema geprüft. Mit Worten. Na und. Worte, Bilder, da ist doch
egal. Alles bündelt sich zu Themen. Der Gedanke ist universell. Ich
fühle mich inzwischen transparent in meiner Verzweiflung. Ich versuche,
die Regale, halbleer umzuwerfen, sie sind sehr schwer. Wütend renne
ich dagegen, das erste Regal schwankt. Das erste Regal brennt. Es ist
Asche. Sie fliegt überall herum. Die Bücher. Endlos. Kein Ende.
Keine Hoffnung. Die Erkenntnis, sie ist wie ein Feuerball im Kopf. Ich
werfe den Kopf hin und her. Diese Unendlichkeit. Wo ist der Sinn. Wütendes
Einschlagen auf die Regale und verzweifelte Laute mischen sich. Ich schlage
den Kopf hin und her. Der Kopf. „Freiheit, keine Grenzen zu haben.“
Ich schlage ihn gegen die Regale. Konkretisierung des Selbst Ich schlage
ihn gegen die Metallsäulen des Regals „Der Mensch und sein
System“. Blut tropft. Ich schlage weiter. Das Blut tropft schneller.
Läuft das System-Regal herunter. Ich fühle mich irgendwie befreit.
Triumphierend. Sehe noch, wie sich die Blutstropfen zu schnellen Gebirgsbächen
organisieren und auf dem Boden einen See bilden. Er wird größer.
Der Blutstropfensee beginnt sich zu einem Quadrat zu formen. Ein Schachbrett,
aus dem Schachfiguren aufsteigen. Eine Dame, zwei Springer, Türme.
Das Schachbrett ist die Welt. Die Welt. Der Raum kann mir nichts anhaben.
So klein, so unendlich klein wird die Welt. Sie ist blau.
Michael Goller
2005 |