Ausstellung

Laudatio und Fotos

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Laudatio

 

lichtblau (Bilder): ["Menschwerdung? Manchmal, wenn ich mir anschauen muß, was einige, die von sich behaupten Menschen zu sein, anrichten, frage ich mich warum ich unbedingt Mensch werden will. Vielleicht wäre es besser ich strebte nach mehr Harmonie und würde versuchen Harmonium zu werden."]

ossada (Plastik): ["Gemessen an der Zeit steht das Menschsein in Frage. Zum Menschwerden bleibt die Frage: Was macht uns zu Menschen? Fragen über Fragen und dann kein Mensch, der antwortet. Jedoch fragen ist schon verändern."]

 

Domgalerie Merseburg

28. April - 30. Mai 2009

Laudatio: Michael Goller (Chemnitzer Maler)

Vernissage 28. April 2009 19.00 Uhr

 
 

Zur Ausstellung Lichtblau und Jens Ossada in der Domgalerie Merseburg

Italien und die Niederlande waren die wohl folgenreichsten Bildschaffenszentren in der abendländischen Malerei. Die niederländische Malerei entstand aus der Miniatur, der Buchmalerei. Liegend betrachtet, jedenfalls mit Nahsicht, richtet sie unseren Blick auf den Reichtum der Dinge. Die Vielfalt in ihrer positiven Bedeutung. Eine Malerei, die das kleine Format zu hoher Wertschätzung gebracht hat. Nicht ganz gegensätzlich, doch unterscheidbar, die Malerei Italiens. Schon von Anfang an umgeben von Zeugnissen noch älterer Zeit, spielen bei ihr die Auswahl und die Komposition eine große Rolle. Oft bezieht sie sich auf den Raum, so sind viele der großartigsten Werke Wandmalereien. Der Fernblick erkennt, der distanzierte Betrachter erfährt die Schönheit des Ganzen. Fülle ist kein Wert an sich, höher geschätzt werden Maß und Klarheit. Diese Vergleiche ergaben sich, nachdem ich die beiden heute ausstellenden und anwesenden Künstler interviewt hatte, um sie und ihr Werk Ihnen heute vorzustellen. Das Interview mit Lichtblau fand im Bibliothekscafé statt, von urbaner Geschäftigkeit umgeben. Lichtblau trank während des Gesprächs drei Tassen doppelten Espresso und erzählte mir von seinen Ausstellungsbeteiligungen und Freunden in Italien und seiner Höflichkeit, deren Sprache zu erlernen. Das Interview mit Jens Ossada: im Foyercafé der städtischen Schwimmhalle, die Schwimmenden in Sichtweite. Ossada trank während des Gesprächs zwei Bier und erzählte mir von seinen Ausstellungen und Freunden in den Niederlanden und von seiner Bereitschaft, deren Sprache zu lernen und im Gespräch anzuwenden. Passt nun diese kulturgeschichtliche Dialektik überhaupt, um die Werke der beiden Künstler zu erfassen? Immerhin sind Lichtblaus Bilder klein- bis mittelformatig, obwohl mit Abstand zu betrachten. Ossadas Plastiken: oft recht groß, vor allem die hier nicht gezeigten Beispiele für Kunst am Bau. Trotzdem wollen sie, dass man an sie herantritt und sie berührt. Gerade die verkreuzte kunstgeschichtliche Begegnung beider Werke macht diese Zusammenstellung sehr interessant, geradezu notwendig. Und vielleicht kann diese Ausstellung im 21. Jahrhundert einen Hinweis liefern, welche Entfernung zur Betrachtung der Dinge die angemessenste sein wird. Betrachten wir deshalb nun die Werke:


Lichtblau formuliert Fragen mit malerischen Mitteln. Fragen, die er findet, oder von denen er gefunden wird. Sie sind als klares und spurenlegendes Konstrukt das Ziel seines Schaffens. In seinem Bildzyklus „Das Goldene Zeitalter“ geht er von den Fähigkeiten der menschlichen Wahrnehmung und deren Grenzen aus. Experimentell verwoben mit anderen Wahrnehmungen wie Hören, Fühlen und Ahnen, öffnet der Künstler seine Sensoren der Erscheinung. Der Begriff selbst geht zurück auf den griechischen Autor Hesiod, der berichtete, dass die Menschheit nach dem glücklichen „Goldenen Zeitalter“ ein „Silbernes“ und „Ehernes“ erlebte, die immer roher und kriegerischer wurden. Auch in vielen anderen Kulturen gibt es den Glauben an einen vollkommen Urzustand der Menschheit und der geschichtlich fortschreitenden Entfernung von diesem. So bleibt in uns fortlebend die unerfüllte Sehnsucht nach dem Verlorenen. Was bedeutet das Goldene Zeitalter für uns heute? Im Bild „Sirenengesang“ sieht man eine Figurengruppe schemenhaft, wie vom Künstler als Vision gesehen. Eine Familie - Vater, Mutter, zwei Kinder. Unerreichbar, glücklich und ideal lächeln sie durch die Bildsphäre uns entgegen. Dieses Bild entstand nach einer Fotografie. In der Realität ist diese Familie inzwischen auseinander gebrochen. Die heile Welt bleibt virtuell und verschwindet undeutlich werdend in der Geschichte. Hat der Künstler bereits diese Zerbrechlichkeit vorausgesehen? Man darf das Antizipierende der Kunst nicht unterschätzen. Vielleicht sollten wir alle mehr auf die Bilder hören. Äußerlich konkret, fast immer mit fotografischem Ausgangspunkt, sind die gegenständlichen Bilder von Lichtblau, wie „Die stummen Götter“. In der trockenen Landschaft wächst eine Schreibmaschine hervor aus einem verwitterten Felsmassiv. Darüber der lichtblaue Himmel. René Magritte sagte: „Man muss ein Bild der Ähnlichkeiten malen, wenn das Denken in der Welt sichtbar werden soll.“ Die Schreibmaschine – ein technisches Relikt neuerer Vergangenheit – bürgte für das Wort. Worte bildeten Texte. Texte repräsentierten Autorität, galten als unfehlbar. Wozu brauchen wir ethische Verantwortung, da wir doch Technik haben, die Worte beliebig fehlerfrei reproduzieren kann? Wozu brauchen wir die Worte lesen oder gar empfinden? Es reicht doch, dass sie publiziert werden. Nun aber, so zeigt uns Lichtblaus Bild, kann man der texterschaffenden Technik nicht mehr vertrauen, verrostet und verwittert holt die Felsnatur sie zurück. Eine ironische Mahnung in unserer immer wieder neu aufgeheizten Technikgläubigkeit, die Grenzen der Dinge nicht aus dem Blick zu verlieren. Humor hilft uns da, die Dinge leichter zu nehmen und die Perspektive zu wechseln. Da es offenbar keine Antwort geben kann auf die spannungsreichen Probleme in der Beziehung des Menschen zur Welt, kann es nur Fragen geben. Deren erste oft gestellt wurden und immer wieder gestellt werden müssen. „Wer bin ich?“, „Wo bin ich?“, „Warum bin ich?“ und „Wo gibt es den nächsten Whisky?“ Diese Fragen können sich auch die Käfer in Lichtblaus Atelier nicht beantworten, die aus der Innenperspektive ihrer Gläser zu keiner Einschätzung der Situation kommen können. Er sammelt sie seit Jahren, kategorisiert und füttert sie. Sie tauchen in der Bildserie „Savoir-vivre“ wieder auf, zu Mischwesen kombiniert mit Gegenständen aller Art. Die Lebenskunst besteht im ironischen Zulassen des möglichen und auch des scheinbar unmöglichen. Die Kombination kann sich auch auf das Bildwerden beziehen, wie in dem Werk „Museum des Windes“. „Ich bin ein Museum meiner Eindrücke“, sagte Lichtblau von sich und erzählte von seiner Vision, ein Museum zu eröffnen für Dinge, die nicht erfasst werden können. Flüchtige Dinge, wie der Wind und die Spuren, die wir auf dem Himmel hinterlassen. Der linke Bildbereich - „Klangspuren“ - erforscht auditiv die eigene Wahrnehmung über das Messbare hinaus. Der rechte Bereich hingegen bildet konkret ab. Nämlich ein zufällig gefundenes altes Foto. Das Nebeneinanderstellen unterschiedlicher Bildeindrücke in einem Bild rückt nun die Bildausage auf eine höhere Ebene. In unserer heutigen Gesellschaft vermischen sich ebenso die unterschiedlichen Eindrücke. Reizüberflutung droht. Der Verlust der Aussage, des Inhaltes. Umso wichtiger wird es nun, wichtige Aussagen im Zwischenraum der Dinge zu vermitteln, der Kombination. Lichtblau legt dazu noch den Titel als „begriffliche Spur“. Und wenn Bild und Titel sich eines Widerspruchs bewusst werden, so entsteht daraus ein Fragekonstrukt als klares Ergebnis der lichtblauen Arbeit.


Ossada formuliert Antworten auf Fragen des Menschwerdens mit plastischen Mitteln. Wer wird, muss zunächst auch einmal sein. In etwas sein, um zu etwas Künftigem zu werden. Mensch wird, um Mensch zu sein und Mensch ist, um Mensch zu werden. Ossada baut eine solide gedankliche Basis, auf deren Grundlage ein Verständnis seiner Arbeiten möglich wird. „Ich bin ein Ordner!“, bekennt er im Gespräch und entwickelt sein Ordnungssystem, was modellhaft für das „Wesen Mensch“ steht. Der Mensch, wie er uns als Gegenüber erscheint, so Ossada, ist Träger von sieben Wesenszügen, die je nach individueller Ausprägung in unterschiedlichem Verhältnis zueinander im Individuum vorkommen und sich wechselseitig bedingen. So begegnet uns das Wesen Mensch im ossadischen System als Schöpfer, Phobiker, Suchender, Kategoriker, Egoist, Sozius und Hedonist. Das System manifestiert Erkenntnis, die sich auf das Allgemeinmenschliche richtet und vom Blickpunkt des „Allgemeinen Menschen“ als Selbsterkenntnis auftritt. „Erkenne Dich selbst!“, so eine Säuleninschrift im Apollontempel des griechischen Heiligtums Delphi. Die Forderung zur Selbsterkenntnis (und das schließt eine schonungslose Selbstanalyse mit ein) ist die Grundlage des Philosophierens und Wegbereiter für Wegbereiter rationalen und reflektierten Denkens. Wie alle Arbeiten zum Wesen Mensch, so tritt uns auch die erste Arbeit „Wandel“ in der Würfelform entgegen. Als Schöpfer besitzt jeder Mensch a priori die Fähigkeit, Dinge zu erschaffen, was meist ein Umwandeln bedeutet, ein Verändern des Sinns, ein Verschieben der Betrachtungsposition. Das Geschaffene wird zu Besitz, die Angst vor dem Verlust des Besessenen wird eine reale Größe, nicht immer grundlos. Auch die Angst, dass die Konsequenzen des Geschaffenen sich als zerstörerisch offenbaren könnten. Der Mensch erlebt sich dann als Phobiker, was die Arbeit „selfmade bomb“ verbildlicht. Die Suche nach Gründen wird dann existenziell, um das Geschaffene in einem Sinn sehen zu können. Bei dem Forschen nach dem Sinn wird oft noch mehr gefunden. Das Werk „Dimensionalität der Wahrheit“ verweist darauf, wie verwoben die Dinge sind und keins für sich allein betrachtet werden kann. Als Suchender ist sich der Mensch immer bewusst, dass er nicht am Ziel ist und sein Werk immer über ihn selbst hinauszielt. Gut, wenn der forschungsreisende Mensch die entdeckten Länder benennen kann. Als Kategoriker ordnet er sein Denkuniversum, er wird effizienter, klarer. Die Ossada-Arbeit „kategorisch“ unterstreicht das. Gefahr droht auch hier. Verselbstständigt sich ein System, spiegeln seine Spiegel es nur noch selbst. Werden Kategorien wichtiger als Menschen, so zeigen sich die Grenzen für den Egoisten. Wie in der griechischen Sage von „Narzissus“, die Jens Ossada künstlerisch aufnimmt. Dabei ist Egoismus in seiner positiven Bedeutung der Zusammenhalt des Ichs, die notwendige und selbstbewusste Bewahrung vor dessen Zerfall. Dieser Zerfall macht den Mensch zum Teil einer „Masse“. Die gleichnamige Arbeit assimiliert ehemalige Ich's zu breiigem Gleichschritt. Das Konzept der Gruppe hat aber auch ein gesundes Maß und zwar ein sehr erfolgreiches. Als Sozius, als Mensch mit und für Menschen kann der Mensch sich überhaupt erst als Mensch erfahren. Gibt es nun ein gemeinsames Ziel, was über die Einzelinteressen hinausgeht, ist eine große Kraftquelle entdeckt. Der letzte der sieben ossadischen Wesenszüge – der hedonistische – ist zugleich der freudigste. Die Fähigkeit, sich zu freuen, macht dem Menschen sein Hiersein sinnvoll und erträglich. Natürlich lauern überall Verführungen, die darauf aus sind, die Fähigkeit zur Freude zu manipulieren und Gier nach nicht immer nützlichen Dingen zu wecken. Deshalb ist der letzte Ossada-Würfel als „Konsument“ bezeichnet. An dieser Stelle würde sich der Kreislauf nun wiederholen, und der Mensch sich aus dem Konsumrausch durch die Wiederentdeckung seiner schöpferischen Fähigkeiten erneut dem Schöpfer annähern. Ossadas Werke begegnen uns in einer oft opulenten und immer gekonnt ausgeführten Materialität. Der Bildhauer Jens Ossada arbeitet häufig mit Gips, Beton, Stahl und Holz. Benutzt er sorgfältig ausgewählte Fundstücke, so werden sie meist abgegossen. Ossada hat von ihnen eine sehr große und gut sortierte Sammlung. Am Anfang steht bei ihm immer das Thema. Ziel der Arbeit ist ein modellhaftes Umsetzen des Themas. Erst wenn die visuelle Idee feststeht, beginnt ein kalkulierter Prozess, der die Materie der Vorstellung annähert. Das ist sicher eine Gemeinsamkeit der bildnerischen Positionen der beiden Künstler, Lichtblau arbeitet ebenso wie Ossada ausgehend von einer konkret fassbaren Idee. Wenn nun der Arbeitsprozess den zielgerichteten Charakter der Umsetzung trägt, liegt die wichtigste Aussage der Werke im Thema. „Menschwerdung“. Bei beiden ist der Mensch eine bildnerisch verwertbare Voraussetzung, doch das Ziel des Werdens ist offen, gleichzeitig hoffnungsvoll und bedroht, und obliegt unserer Verantwortung. Die besondere Verantwortung des Menschen ist bereits seine Bestimmung. Mensch sein heißt Verantwortung tragen. Leicht wird ihm diese Last, wenn er sich in Einheit mit der ganzen Welt sieht. Mit der ganzen Welt zu handeln heißt, mit und für die Menschen zu handeln. Der Mensch hat nicht die Möglichkeit, die Verantwortung abzulegen, doch er hat die Freiheit, sie gestaltend zu gebrauchen.


Michael Goller / 28.4.2009


 

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