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Zur Ausstellung
Lichtblau und Jens Ossada in der Domgalerie Merseburg
Italien und die Niederlande waren die wohl folgenreichsten
Bildschaffenszentren in der abendländischen Malerei. Die niederländische
Malerei entstand aus der Miniatur, der Buchmalerei. Liegend betrachtet,
jedenfalls mit Nahsicht, richtet sie unseren Blick auf den Reichtum
der Dinge. Die Vielfalt in ihrer positiven Bedeutung. Eine Malerei,
die das kleine Format zu hoher Wertschätzung gebracht hat. Nicht
ganz gegensätzlich, doch unterscheidbar, die Malerei Italiens.
Schon von Anfang an umgeben von Zeugnissen noch älterer Zeit, spielen
bei ihr die Auswahl und die Komposition eine große Rolle. Oft
bezieht sie sich auf den Raum, so sind viele der großartigsten
Werke Wandmalereien. Der Fernblick erkennt, der distanzierte Betrachter
erfährt die Schönheit des Ganzen. Fülle ist kein Wert
an sich, höher geschätzt werden Maß und Klarheit. Diese
Vergleiche ergaben sich, nachdem ich die beiden heute ausstellenden
und anwesenden Künstler interviewt hatte, um sie und ihr Werk Ihnen
heute vorzustellen. Das Interview mit Lichtblau fand im Bibliothekscafé
statt, von urbaner Geschäftigkeit umgeben. Lichtblau trank während
des Gesprächs drei Tassen doppelten Espresso und erzählte
mir von seinen Ausstellungsbeteiligungen und Freunden in Italien und
seiner Höflichkeit, deren Sprache zu erlernen. Das Interview mit
Jens Ossada: im Foyercafé der städtischen Schwimmhalle,
die Schwimmenden in Sichtweite. Ossada trank während des Gesprächs
zwei Bier und erzählte mir von seinen Ausstellungen und Freunden
in den Niederlanden und von seiner Bereitschaft, deren Sprache zu lernen
und im Gespräch anzuwenden. Passt nun diese kulturgeschichtliche
Dialektik überhaupt, um die Werke der beiden Künstler zu erfassen?
Immerhin sind Lichtblaus Bilder klein- bis mittelformatig, obwohl mit
Abstand zu betrachten. Ossadas Plastiken: oft recht groß, vor
allem die hier nicht gezeigten Beispiele für Kunst am Bau. Trotzdem
wollen sie, dass man an sie herantritt und sie berührt. Gerade
die verkreuzte kunstgeschichtliche Begegnung beider Werke macht diese
Zusammenstellung sehr interessant, geradezu notwendig. Und vielleicht
kann diese Ausstellung im 21. Jahrhundert einen Hinweis liefern, welche
Entfernung zur Betrachtung der Dinge die angemessenste sein wird. Betrachten
wir deshalb nun die Werke:
Lichtblau formuliert Fragen mit malerischen Mitteln.
Fragen, die er findet, oder von denen er gefunden wird. Sie sind als
klares und spurenlegendes Konstrukt das Ziel seines Schaffens. In seinem
Bildzyklus „Das Goldene Zeitalter“ geht er von den Fähigkeiten
der menschlichen Wahrnehmung und deren Grenzen aus. Experimentell verwoben
mit anderen Wahrnehmungen wie Hören, Fühlen und Ahnen, öffnet
der Künstler seine Sensoren der Erscheinung. Der Begriff selbst
geht zurück auf den griechischen Autor Hesiod, der berichtete,
dass die Menschheit nach dem glücklichen „Goldenen Zeitalter“
ein „Silbernes“ und „Ehernes“ erlebte, die immer
roher und kriegerischer wurden. Auch in vielen anderen Kulturen gibt
es den Glauben an einen vollkommen Urzustand der Menschheit und der
geschichtlich fortschreitenden Entfernung von diesem. So bleibt in uns
fortlebend die unerfüllte Sehnsucht nach dem Verlorenen. Was bedeutet
das Goldene Zeitalter für uns heute? Im Bild „Sirenengesang“
sieht man eine Figurengruppe schemenhaft, wie vom Künstler als
Vision gesehen. Eine Familie - Vater, Mutter, zwei Kinder. Unerreichbar,
glücklich und ideal lächeln sie durch die Bildsphäre
uns entgegen. Dieses Bild entstand nach einer Fotografie. In der Realität
ist diese Familie inzwischen auseinander gebrochen. Die heile Welt bleibt
virtuell und verschwindet undeutlich werdend in der Geschichte. Hat
der Künstler bereits diese Zerbrechlichkeit vorausgesehen? Man
darf das Antizipierende der Kunst nicht unterschätzen. Vielleicht
sollten wir alle mehr auf die Bilder hören. Äußerlich
konkret, fast immer mit fotografischem Ausgangspunkt, sind die gegenständlichen
Bilder von Lichtblau, wie „Die stummen Götter“. In
der trockenen Landschaft wächst eine Schreibmaschine hervor aus
einem verwitterten Felsmassiv. Darüber der lichtblaue Himmel. René
Magritte sagte: „Man muss ein Bild der Ähnlichkeiten malen,
wenn das Denken in der Welt sichtbar werden soll.“ Die Schreibmaschine
– ein technisches Relikt neuerer Vergangenheit – bürgte
für das Wort. Worte bildeten Texte. Texte repräsentierten
Autorität, galten als unfehlbar. Wozu brauchen wir ethische Verantwortung,
da wir doch Technik haben, die Worte beliebig fehlerfrei reproduzieren
kann? Wozu brauchen wir die Worte lesen oder gar empfinden? Es reicht
doch, dass sie publiziert werden. Nun aber, so zeigt uns Lichtblaus
Bild, kann man der texterschaffenden Technik nicht mehr vertrauen, verrostet
und verwittert holt die Felsnatur sie zurück. Eine ironische Mahnung
in unserer immer wieder neu aufgeheizten Technikgläubigkeit, die
Grenzen der Dinge nicht aus dem Blick zu verlieren. Humor hilft uns
da, die Dinge leichter zu nehmen und die Perspektive zu wechseln. Da
es offenbar keine Antwort geben kann auf die spannungsreichen Probleme
in der Beziehung des Menschen zur Welt, kann es nur Fragen geben. Deren
erste oft gestellt wurden und immer wieder gestellt werden müssen.
„Wer bin ich?“, „Wo bin ich?“, „Warum
bin ich?“ und „Wo gibt es den nächsten Whisky?“
Diese Fragen können sich auch die Käfer in Lichtblaus Atelier
nicht beantworten, die aus der Innenperspektive ihrer Gläser zu
keiner Einschätzung der Situation kommen können. Er sammelt
sie seit Jahren, kategorisiert und füttert sie. Sie tauchen in
der Bildserie „Savoir-vivre“ wieder auf, zu Mischwesen kombiniert
mit Gegenständen aller Art. Die Lebenskunst besteht im ironischen
Zulassen des möglichen und auch des scheinbar unmöglichen.
Die Kombination kann sich auch auf das Bildwerden beziehen, wie in dem
Werk „Museum des Windes“. „Ich bin ein Museum meiner
Eindrücke“, sagte Lichtblau von sich und erzählte von
seiner Vision, ein Museum zu eröffnen für Dinge, die nicht
erfasst werden können. Flüchtige Dinge, wie der Wind und die
Spuren, die wir auf dem Himmel hinterlassen. Der linke Bildbereich -
„Klangspuren“ - erforscht auditiv die eigene Wahrnehmung
über das Messbare hinaus. Der rechte Bereich hingegen bildet konkret
ab. Nämlich ein zufällig gefundenes altes Foto. Das Nebeneinanderstellen
unterschiedlicher Bildeindrücke in einem Bild rückt nun die
Bildausage auf eine höhere Ebene. In unserer heutigen Gesellschaft
vermischen sich ebenso die unterschiedlichen Eindrücke. Reizüberflutung
droht. Der Verlust der Aussage, des Inhaltes. Umso wichtiger wird es
nun, wichtige Aussagen im Zwischenraum der Dinge zu vermitteln, der
Kombination. Lichtblau legt dazu noch den Titel als „begriffliche
Spur“. Und wenn Bild und Titel sich eines Widerspruchs bewusst
werden, so entsteht daraus ein Fragekonstrukt als klares Ergebnis der
lichtblauen Arbeit.
Ossada formuliert Antworten auf Fragen des Menschwerdens
mit plastischen Mitteln. Wer wird, muss zunächst auch einmal sein.
In etwas sein, um zu etwas Künftigem zu werden. Mensch wird, um
Mensch zu sein und Mensch ist, um Mensch zu werden. Ossada baut eine
solide gedankliche Basis, auf deren Grundlage ein Verständnis seiner
Arbeiten möglich wird. „Ich bin ein Ordner!“, bekennt
er im Gespräch und entwickelt sein Ordnungssystem, was modellhaft
für das „Wesen Mensch“ steht. Der Mensch, wie er uns
als Gegenüber erscheint, so Ossada, ist Träger von sieben
Wesenszügen, die je nach individueller Ausprägung in unterschiedlichem
Verhältnis zueinander im Individuum vorkommen und sich wechselseitig
bedingen. So begegnet uns das Wesen Mensch im ossadischen System als
Schöpfer, Phobiker, Suchender, Kategoriker, Egoist, Sozius und
Hedonist. Das System manifestiert Erkenntnis, die sich auf das Allgemeinmenschliche
richtet und vom Blickpunkt des „Allgemeinen Menschen“ als
Selbsterkenntnis auftritt. „Erkenne Dich selbst!“, so eine
Säuleninschrift im Apollontempel des griechischen Heiligtums Delphi.
Die Forderung zur Selbsterkenntnis (und das schließt eine schonungslose
Selbstanalyse mit ein) ist die Grundlage des Philosophierens und Wegbereiter
für Wegbereiter rationalen und reflektierten Denkens. Wie alle
Arbeiten zum Wesen Mensch, so tritt uns auch die erste Arbeit „Wandel“
in der Würfelform entgegen. Als Schöpfer besitzt jeder Mensch
a priori die Fähigkeit, Dinge zu erschaffen, was meist ein Umwandeln
bedeutet, ein Verändern des Sinns, ein Verschieben der Betrachtungsposition.
Das Geschaffene wird zu Besitz, die Angst vor dem Verlust des Besessenen
wird eine reale Größe, nicht immer grundlos. Auch die Angst,
dass die Konsequenzen des Geschaffenen sich als zerstörerisch offenbaren
könnten. Der Mensch erlebt sich dann als Phobiker, was die Arbeit
„selfmade bomb“ verbildlicht. Die Suche nach Gründen
wird dann existenziell, um das Geschaffene in einem Sinn sehen zu können.
Bei dem Forschen nach dem Sinn wird oft noch mehr gefunden. Das Werk
„Dimensionalität der Wahrheit“ verweist darauf, wie
verwoben die Dinge sind und keins für sich allein betrachtet werden
kann. Als Suchender ist sich der Mensch immer bewusst, dass er nicht
am Ziel ist und sein Werk immer über ihn selbst hinauszielt. Gut,
wenn der forschungsreisende Mensch die entdeckten Länder benennen
kann. Als Kategoriker ordnet er sein Denkuniversum, er wird effizienter,
klarer. Die Ossada-Arbeit „kategorisch“ unterstreicht das.
Gefahr droht auch hier. Verselbstständigt sich ein System, spiegeln
seine Spiegel es nur noch selbst. Werden Kategorien wichtiger als Menschen,
so zeigen sich die Grenzen für den Egoisten. Wie in der griechischen
Sage von „Narzissus“, die Jens Ossada künstlerisch
aufnimmt. Dabei ist Egoismus in seiner positiven Bedeutung der Zusammenhalt
des Ichs, die notwendige und selbstbewusste Bewahrung vor dessen Zerfall.
Dieser Zerfall macht den Mensch zum Teil einer „Masse“.
Die gleichnamige Arbeit assimiliert ehemalige Ich's zu breiigem Gleichschritt.
Das Konzept der Gruppe hat aber auch ein gesundes Maß und zwar
ein sehr erfolgreiches. Als Sozius, als Mensch mit und für Menschen
kann der Mensch sich überhaupt erst als Mensch erfahren. Gibt es
nun ein gemeinsames Ziel, was über die Einzelinteressen hinausgeht,
ist eine große Kraftquelle entdeckt. Der letzte der sieben ossadischen
Wesenszüge – der hedonistische – ist zugleich der freudigste.
Die Fähigkeit, sich zu freuen, macht dem Menschen sein Hiersein
sinnvoll und erträglich. Natürlich lauern überall Verführungen,
die darauf aus sind, die Fähigkeit zur Freude zu manipulieren und
Gier nach nicht immer nützlichen Dingen zu wecken. Deshalb ist
der letzte Ossada-Würfel als „Konsument“ bezeichnet.
An dieser Stelle würde sich der Kreislauf nun wiederholen, und
der Mensch sich aus dem Konsumrausch durch die Wiederentdeckung seiner
schöpferischen Fähigkeiten erneut dem Schöpfer annähern.
Ossadas Werke begegnen uns in einer oft opulenten und immer gekonnt
ausgeführten Materialität. Der Bildhauer Jens Ossada arbeitet
häufig mit Gips, Beton, Stahl und Holz. Benutzt er sorgfältig
ausgewählte Fundstücke, so werden sie meist abgegossen. Ossada
hat von ihnen eine sehr große und gut sortierte Sammlung. Am Anfang
steht bei ihm immer das Thema. Ziel der Arbeit ist ein modellhaftes
Umsetzen des Themas. Erst wenn die visuelle Idee feststeht, beginnt
ein kalkulierter Prozess, der die Materie der Vorstellung annähert.
Das ist sicher eine Gemeinsamkeit der bildnerischen Positionen der beiden
Künstler, Lichtblau arbeitet ebenso wie Ossada ausgehend von einer
konkret fassbaren Idee. Wenn nun der Arbeitsprozess den zielgerichteten
Charakter der Umsetzung trägt, liegt die wichtigste Aussage der
Werke im Thema. „Menschwerdung“. Bei beiden ist der Mensch
eine bildnerisch verwertbare Voraussetzung, doch das Ziel des Werdens
ist offen, gleichzeitig hoffnungsvoll und bedroht, und obliegt unserer
Verantwortung. Die besondere Verantwortung des Menschen ist bereits
seine Bestimmung. Mensch sein heißt Verantwortung tragen. Leicht
wird ihm diese Last, wenn er sich in Einheit mit der ganzen Welt sieht.
Mit der ganzen Welt zu handeln heißt, mit und für die Menschen
zu handeln. Der Mensch hat nicht die Möglichkeit, die Verantwortung
abzulegen, doch er hat die Freiheit, sie gestaltend zu gebrauchen.
Michael Goller / 28.4.2009
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